Rheumatischen Systemerkrankungen liegt eine chronische Entzündung zugrunde. Auch häufige Komorbiditäten wie z. B. kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes mellitus und Adipositas sind Folge einer chronischen (meist stillen) Entzündung.
Die Art der Ernährung kann sowohl zur Entstehung rheumatischer Erkrankungen beitragen als auch deren Verlauf beeinflussen. Das erklärt auch die Beobachtung, dass die Prävalenz rheumatischer Erkrankungen weltweit sehr unterschiedlich ist. Exogene Faktoren wie unser Ernährungsstil sind vermutlich auch dafür verantwortlich, dass die Häufigkeit von rheumatischen Erkrankungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, wie eine aktuelle Analyse des Robert-Koch-Instituts belegt.
Als pathophysiologisch relevant wird vor allem unser westlicher Ernährungsstil (sog. „Western Diet“) diskutiert. Dieser umfasst im Wesentlichen eine hoch-kalorische, fett- und kohlenhydratreiche, ballaststoffarme Ernährung, die überwiegend industriell hergestellt wird.
Die Folgen dieser Ernährungsform sind: 1. Adipositas mit Freisetzung einer Vielzahl pro-inflammatorischer Zytokine aus dem viszeralen Fettgewebe, 2. Veränderungen des Mikrobioms (Dysbiose) und konsekutiv erhöhte Darmpermeabilität (sog. „Leaky Gut-Syndrom“) und 3. daraus resultierend pro-entzündliche immunologische Veränderungen im Darm, die sämtlich als Treiber inflammatorischer Prozesse, auch in den Gelenken gelten.
Es ist daher zu erwarten, dass durch eine anti-inflammatorische Ernährungsmodifikation diese pathophysiologischen Prozesse günstig beeinflusst werden. Bestätigt wird dies durch Studien, in denen eine pflanzenbasierte kohlenhydrat-reduzierte Ernährung (sog. mediterrane Ernährungsform) günstige Effekte bei rheumatischen, aber auch anderen, z. B. kardiovaskulären Erkrankungen gezeigt hat, weshalb diese auch von der Kommission für Komplementäre Heilverfahren und Ernährung der DGRh in einem Positionspapier empfohlen wird.
Chronisch kranke Patientinnen und Patienten lernen, mit ihrer Erkrankung zu leben. Daher möchten viele von ihnen auch selbst etwas zu ihrer Gesundung beitragen und fragen oft schon bei der Diagnose nach geeigneten (ganzheitlichen) Maßnahmen. Psychologen sprechen hier auch von Selbstwirksamkeit, d. h. das Gefühl, die Erkrankung selbst mit beeinflussen zu können.
Ein weiterer Aspekt ist die Beobachtung, dass Patientinnen und Patienten sehr schnell spüren, dass es ihnen nach einer Ernährungsmodifikation besser geht. Sie haben weniger Schmerzen, aber dafür mehr Energie. Mehr als 50 % unserer Patientinnen und Patienten mit Rheuma sind übergewichtig, bis zu 30 % sogar adipös. Eine Ernährungsumstellung unterstützt das Gewichtsmanagement und trägt zur Gewichtsreduktion bei. Dies hat wiederum zahlreiche positive Auswirkungen; so nimmt u. a. auch die Wirksamkeit der medikamentösen Therapie z. B. mit TNF-Antagonisten zu, wie Studien eindeutig belegen konnten.
Eine Vielzahl häufiger Zivilisationserkrankungen wie z. B. kardiovaskuläre Erkrankungen, aber auch Krebserkrankungen und Demenz, sind Folge einer chronischen (oft stillen) Inflammation. Anti-entzündliche Strategien können somit auch mit Blick auf häufige Komorbiditäten bei Rheuma wie z. B. koronarer Herzerkrankung (KHK) präventiv wirken, sodass ein gezieltes Ernährungsmanagement nicht nur für Rheuma, sondern auch assoziierte Komorbiditäten Vorteile bietet.
Die meisten Ernährungsempfehlungen bei Rheuma leiten sich aus prospektiven Kohorten- oder Beobachtungs-studien ab. Prospektive, randomisierte (doppelblinde) Interventionsstudien, wie sie die evidenz-basierte Medizin fordert, gibt es kaum.
Mit der MIKARA-Studie liegt jetzt erstmals eine prospektive randomisierte doppelblinde Interventionsstudie vor, die die Wirksamkeit von 2 exakt definierten Nahrungsbestandteilen, nämlich mittelkettigen Fettsäuren (MCT) und Ballaststoffen auf Krankheitsaktivität und Lebensqualität von Patienten mit rheumatoider Arthritis bei stabiler Begleitmedikation untersucht hat.
Die WHO empfiehlt eine tägliche Zufuhr von 30 g Ballaststoffen/Tag. Die durchschnittliche Ballaststoffzufuhr beträgt bei unseren Patientinnen und Patienten mit RA allerdings nur 15,3 bzw. 15,6 g/Tag. Es besteht also eine Unterversorgung. Ballaststoffe haben zahlreiche gesundheitsförderliche Wirkungen. Sie werden vom menschlichen Enzymsystem nicht abgebaut, können von Bakterien im Dickdarm jedoch verstoffwechselt werden. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren (SCFA) wie Butyrat und Propionat, die im Darm anti-inflammatorische Wirkungen haben. Weitere Effekte der SCFA sind u. a. die Regeneration der Darmschleimhaut sowie die Wiederherstellung eines gesunden Mikrobioms.
MCT-Fette werden seit Jahrzehnten zur Therapie bestimmter Erkrankungen (z. B. Kurzdarm-Syndrom) eingesetzt. Sie werden in der Leber überwiegend zu Ketonkörpern verstoffwechselt. Ketonkörper wie z. B. das ß-Hydroxybutyrat (BHB) wirken ebenfalls anti-inflammatorisch, indem sie z. B. das NALP-3-Inflammasom hemmen und dienen dem Gehirn auch als wichtige Energiequelle. Ketonkörper entstehen u. a. auch beim Fasten und werden zur Erklärung vieler positiver „Fasten-Effekte“ herangezogen.
In der MIKARA-Studie konnten wir zeigen, dass die Supplementation mit MCT-Fetten und Ballaststoffen zu einer signifikanten Besserung der Krankheitsaktivität und Morgensteifigkeit sowie einem signifikanten Anstieg von BHB im Blut führt. Gleichzeitig besserte sich bei den Patienten auch die Lebensqualität, insbesondere die Vitalität und mentales Befinden. Da Symptome wie Fatigue-Symptomatik und mangelnde Vitalität bislang kaum therapiebar sind, haben wir mit dem MIKARA-Supplement eine innovative, anti-entzündlich wirkende Therapieoption, mit der gleichzeitig auch die empfohlene tägliche Ballaststoffzufuhr bei unseren Patientinnen und Patienten sichergestellt werden kann.
Die Rolle der Ballaststoffe bei RA-Patienten ist in der MIKARA-Studie untersucht worden. Deren Ergebnisse werden beim kommenden DGRh-Kongress in Wiesbaden präsentiert.
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