Christiane Funken ist Soziologie-Professorin i. R. der Technischen Universität Berlin. Neben der Kommunikations- und Mediensoziologe zählt die Geschlechter- und Organisationsforschung zu ihren Forschungsschwerpunkten. Wir befragten sie zur Rolle der Frau auf dem heutigen Arbeitsmarkt. Ihre Studien zeigen u. a., dass immer mehr Frauen die Gestaltungsmöglichkeiten der sich ständig wandelnden Wirtschafts- und Beschäftigungswelt auch für ihren eigenen Berufsweg erkennen und nutzen.
Oh ja, Prozesse wie Digitalisierung, fundamentaler Personalmangel, veränderte Erwartungshaltungen der Beschäftigten, sowie neue Anforderungen durch New Leadership und Diversität, Gleichberechtigung & Inklusion machen auch vor den Kliniken und Arztpraxen nicht Halt.
Um Beschäftigte nicht nur zu werben, sondern auch zu binden, ist eine neue Führungs- und Arbeitskultur notwendig. Gerade in den Kliniken herrschen häufig noch sehr autoritäre Strukturen und Kulturen, d. h. äußerst hierarchische und bürokratische Abläufe, die den zügigen und patientenorientierten Prozess blockieren bzw. verhindern. Gleichzeitig aber haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert. D. h., die Erwartungshaltungen der Beschäftigten an ihre Arbeit – z. B. in Bezug auf Autonomie, Mitspracherecht, flexible Arbeitszeiten oder Work-Life-Balance – werden immer selbstbewusster eingefordert. Besonders beim Fachkräftemangel in der Medizin haben sich die Kräfteverhältnisse geändert, und das ist im Sinne der Patientenrechte auch gut so. Die Medizin ist zudem weiblicher geworden, die Zahl der Praxisinhaberinnen steigt und Frauen stellen primär das Assistenzpersonal. Dabei sprechen wir auch von Frauen, die alleinerziehend sind, bei denen also die Teilzeitfrage von Bedeutung ist.
Ja, denn die Arbeits- und Lebensentwürfe der jüngeren Frauen unterscheiden sich nicht mehr von den Erwartungen ihrer Kollegen. Auch Frauen wollen ein sinnerfülltes und zukunftsorientiertes Privat- und Berufsleben führen. Sie sind heutzutage exzellent ausgebildet und engagiert. Angemessene Wertschätzung ist nicht nur gerecht, sondern auch die einzige Lösung, den katastrophalen Fachkräftemangel zu bewältigen. Allerdings werden ihnen häufig immer noch Steine in den Weg gelegt, z. B. durch Skepsis bzw. Misstrauen in ihre Kompetenzen und Führungsstärke, mangelnde Eigenverantwortung und unflexible Arbeitszeiten.
Erfolgreiche und patientengerechte Gesundheitsversorgung misst sich an der Qualität der Personalleistung. Im Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte gewinnen auf Dauer diejenigen, die den Beschäftigten Arbeitsbedingungen zu Verfügung stellen, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Dabei geht es vornehmlich um Sinnhaftigkeit, Potentialentfaltung, Work-Life-Balance, Eigenverantwortung und flexiblere Arbeitsgestaltung. Auch in den Kliniken und Arztpraxen lassen sich Prozesse flexibilisieren. Gerade bürokratische Aufgaben oder auch Laborbesprechungen können von zu Hause erledigt werden, ebenso wie die Kommunikation mit den Patientinnen und Patienten oder das Schreiben von Berichten etc.