Möge sich jeder dieses Szenario vorstellen, 2040!? Kann man das?

Prof. Gerlach führte auf dem BDRh-Kongress dieses Jahres in einer Highlight-Session die Zuhörer in die Sphären der mächtigsten Tech-Konzerne der Welt , um zu zeigen, wie ohnmächtig die Tech-Welt in Europa und Deutschland ist und wer aufgrund des Technologie-Know-hows und Produktangebots dieser Firmen nicht nur die meisten Bereiche modernen Lebens, sondern auch die Gesundheitssysteme bestimmen wird.
Beispiel Amazon: Amazon hat ein umfassendes Knowhow über Produkte, wo sie sind, wer sie wünscht, und wie sie an den Kunden gelangen. „Amazon tut alles, dass die Kunden zufrieden sind“. Wenn der Fokus von Amazon auf der Kundenzufriedenheit liegt (Customer Centricity), warum dann nicht auch auf zufriedenen Patienten?
Man stelle sich ein Drei-Säulen-Modell vor:
Mit unterschiedlichen Kooperateuren versuchte Amazon dieses Konzept umzusetzen, beendete Ende 2022 Amazon Care, brachte Amazon Clinics auf den Markt, einen digitalen Gesundheitsservice, mit dem Online-Behandlungen über eine zentrale Plattform angeboten wurden, u. a. mit telemedizinischen Anbietern, an denen Amazon finanziell partizipierte. Im Juni 2024 stellte Amazon diese Plattform um in Amazon One Medical – Pay per Visit.
Gerlach pointierte diese Strategieänderungen, in dem er beschrieb, dass das Amazon-Prinzip in „Fail Fast“ besteht. Man probiert etwas aus, bringt es auf den Markt, schaut, wie es funktioniert, und sollte es nicht funktionieren, startet man die nächste Stufe. Diese Strategie steht gegensätzlich zu der hiesigen, die, wenn sie sich als ineffektiv zeigt, auch gegen alle Kritiken weitergeführt wird. Dies ist in einer Welt von Amazon unvorstellbar, in der auf Knopfdruck der Patient am nächsten Tag per Express seine Bedürfnisse befriedigt bekommt.
Weitere neue Angebote in den USA: Mit einer Flatrate von 5 $ inklusive Lieferkosten erhält der Kunde verordnungsfähige Medikamente, 53 Wirkstoffe für unterschiedliche Indikationen. Heißt: Amazon will in den Gesundheitsmarkt. In den nächsten Jahren umspannt Amazon die Welt mit über 3.000 Satelliten, die eine große Zahl an Plattformen ermöglichen, von der eine mit Drohnen im Regelbetrieb punktgenau Medikamente vor der Haustür abliefert.
Auch in Deutschland ist man nicht untätig. Der Telemedizinanbieter Doktor.DE, Tochter des zweitgrößten europäischen Unternehmens für digital-physische Gesundheitsversorgung, dem 2016 in Schweden gegründeten Doktor.SE, kaufte schon 2022 primär Hausarztsitze, mit dem Ziel einer Verzahnung von digitaler Medizin und persönlichem Arzt. Auch dieses Beispiel zeigt auf, wie attraktiv der Gesundheitsmarkt für außerärztliche Unternehmen ist.
Gerlach stellte ein weiteres Modell des Krankenhausanbieters Helios vor: Der 2022 in Leipzig vorgestellte CUBE („Care for you to be“) wurde primär entwickelt für Gebiete im Ausland, in denen Mediziner nicht, oder nicht mehr physisch vertreten sind. Der CUBE führt diagnostische Untersuchungen (z. B. Röntgen, Ultraschall oder Blutdruckmessung) in einer physischen Einheit durch. Als „Walk-in-Lösung“ oder nach dem digitalen Erstkontakt mit einem Telearzt via Videosprechstunde können Patienten medizinische Untersuchungen unter Anleitung von Fachkräften durchführen. Cube ist also ein arztloser Container. Die Ergebnisse werden kooperierenden medizinischen Fachkräften über die curalie-App von Helios zur Verfügung gestellt, sodass direkt im Anschluss in einem CUBE eine weiterführende Therapie begonnen werden kann. Dabei ist der CUBE überall aufstellbar, z. B. in Einkaufszentren oder als alleinstehende Lösung.
Für alle Zuhörer unvorstellbar war eine im November 2023 von der US-Firma Forward Health präsentierte erste KI-Praxis der Welt, völlig ohne Arzt und medizinisches Fachpersonal. Der „CarePod“ soll Patienten vergleichbare Leistungen wie der Hausarzt bieten, vollautomatisch mit einem breiten technischen Leistungsangebot, das Ergebnisse in Echtzeit erstellen kann. Entscheidende Aussage des CEO und Gründers von Forward, Adrian Aoun, war, dass es Arztpraxen überhaupt nicht geben müsse und dass sie eher ein Ding der Vergangenheit wären. Beruhigend ist, dass Forward inzwischen bankrott ist.
Zurück nach Deutschland: Die Otto Group, das zweitgrößte Versandhandelsunternehmen Europas, geht ähnlich wie Amazon auch in den Gesundheitsmarkt und übernahm sowohl Medgate, das digitale Gesundheitsleistungen und telemedizinische Beratung anbietet, als auch die BetterDoc GmbH, die Patienten hilft, passende Ärzte und Kliniken zu finden. Laut Gerlach zeigen alle diese Beispiele einen Trend: ‚healthcare, anywhere at any time‘. Die Gesundheitsversorgung findet nicht nur in Praxen, Kliniken oder Apotheken statt, sondern überall, wo stationäre Aufenthalte ersetzt werden können.
Bereits in einer Metaanalyse aus 2012 – also noch vor Einführung aller digitalen Tools, Devices, Sensoren und Systemen – wurde die Frage untersucht, ob Patienten statt im Krankenhaus auch zu Hause überwacht werden können. Das Ergebnis: „Hospital at home“ ist assoziiert mit einer Reduktion der Mortalität, Wiedereinweisungen und Kosten sowie der Verbesserung der Zufriedenheit der Patienten und Versorgenden. Für Gerlach bedeutet dies, dass das jetzt schon hohe Ambulantisierungspotenzial in Deutschland noch viel höher ist, wenn diese Konzepte von digitalen und virtuellen Systemen oder Hospital at home verfolgt werden. Davon ist man in Deutschland noch extrem weit entfernt. Telemedizin, Monitoring, digitale Devices, KI plus Stärkung ambulanter Strukturen müssen hinzukommen, um die ambulante Versorgung erheblich ausbauen zu können und Krankenhäuser zu entlasten. Die Sicht des Patienten wird sein, dass er aufgrund der Verfügbarkeit von DiGAs und Apps selbst entscheidet, welchen Dienstleister er wann in Anspruch nimmt. ChatGPT und andere KI-Modelle werden den Arzt entlasten, z. B. bei Anamnese, Dokumentation von Befunden sowie der Diagnostik. Die Überprüfung durch den Arzt ist natürlich notwendig.
Haus- und Fachärzte werden teilweise Primärkontakte verlieren, weil Tech-Giganten einen Teil der Primärversorgung und der Patientensteuerung übernehmen werden. Dort ist alles, das hierfür benötigt wird, in Perfektion vorhanden. Sie haben die Cloud, KI-Chatbots, die Telemedizin, die Point of Care-Diagnostik und die Arzneimitteldistribution. Die Ärzteschaft kann flexibler arbeiten. Die plattformökonomischen Modelle erlauben, dass sie quasi überall arbeiten können.
Die Tech-Giganten jedoch entscheiden darüber, wie lange Ärzte gebraucht werden, was sie verdienen, wie viele Aufträge sie bekommen. Inwieweit dies Realität wird, wird sich zeigen, aber man ist nicht weit davon entfernt.
Klinikaufenthalte werden durch Ambulantisierung zur Ausnahme. Kliniken werden Zentren der Maximalversorgung mit höchster Kompetenz. Es wird mehr ambulant-stationäre Gesundheitszentren geben, die auch akute Langzeitpflege mit übernehmen müssen. Diese Primärversorgungszentren sind multiprofessionelle und interdisziplinäre Team-Praxen. Es ist nicht mehr die persönliche Leistungserbringung durch den Vertragsarzt ausschlaggebend, sondern das Team bzw. die Praxis. Die Team-Praxen entwickeln sich aus BAGs, Gemeinschaftspraxen, MVZs und vernetzten Einzelpraxen. Primärversorgungszentren wie auch Maximalversorgungshäuser werden Video-Monitoring, digitale Devices, Hausbesuche, also Leistungen aus digitaler und analoger Welt anbieten. Versorgungsmodelle, wie sie z. B. in der Rheumatologie eingesetzt werden, können in ein derartiges Konstrukt von Primär- und Maximalversorgern eingebaut werden. Sprachbasierte KI-Programme wie ChatGPT unterstützen die Praxisteams und übernehmen Teile der Patientenversorgung.
Eine positive Vision: Empathische Ärzte können mehr Zeit für ihre Patienten erlangen, auch um sie vor zu viel oder falscher Medizin zu schützen, vor allem angesichts zukünftiger kommerzieller Interessen in diesem System. Das zukünftige Prinzip könnte lauten: präventiv, vor „Digital“, vor ambulant, vor stationär. Bedeutet, für „Digital“ bedarf es eines Budgets, einer Bedarfsplanung, die sich nicht an KV-Bezirken orientieren kann.
Wo befindet sich die Rheumatologie auf dem Wege in die digitale Welt? Der BDRh hat die Dokumentationssoftware RheDat und ein Konzept, diese in eine Plattform für alle Projekte zu integrieren. Schaffen die Rheumatologen dies gemeinsam, werden sie eine Chance gegen plattformökonomische Modelle der Tech-Unternehmen haben. Gerlach sprach sehr deutlich eine Handlungsaufforderung an die gesamte Ärzteschaft aus, nicht abzuwarten, denn diese Transformation wird kommen. Die Weichen werden jetzt gestellt, die Player positionieren sich, die Konzepte werden entwickelt. Wer nicht gestaltet, der wird gestaltet!
Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach, MPH
Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main; langjähriger Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen; vormals Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)