Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht mit dem Begriff ADHS (Aufmerksamkeits-defizit-Hyperaktivitätsstörung) konfrontiert werden. Besonders in den sozialen Medien scheint das Thema allgegenwärtig: Influencer berichten von ihrem Alltag, manchmal auch auf Basis eines Selbsttests. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, ADHS sei „überall“.
Doch welche Bedeutung hat das Thema Neurodiversität für unseren Praxisalltag? Begegnen wir neurodivergenten Patientinnen und Patienten häufiger als gedacht? Und beeinflusst Neurodiversität möglicherweise das Therapiemanagement, die Kommunikation oder die Wahrnehmung von Beschwerden?
Dazu zählen unter anderem Personen mit Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS, Dyslexie oder Dyspraxie. Das Konzept geht davon aus, dass neurologische Unterschiede nicht primär pathologisch, sondern Teil menschlicher Variation sind.
Ein wachsendes Bewusstsein für Neurodiversität zeigt sich zunehmend in Gesundheitsversorgungssysteme, Forschung und klinische Praxis aus. Wir wissen schon heute, dass Patientinnen und Patienten sich nicht nur bezüglich der Diagnosebildern unterscheiden, sondern auch in Wahrnehmung, Kommunikationsstilen, Schmerz-, Reizverarbeitung. Nicht alle Formen sind in der Rheumatologie gleich relevant und jede Form birgt Herausforderungen im individuellen Therapiemanagement. Eng verknüpft mit bzw. häufig als Neurodivergenz verstanden sind hochsensible Personen, die insgesamt viele Ähnlichkeiten mit ADHS aufweisen können. Hochsensibilität wird nicht klinisch diagnostiziert, sondern ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal.
Inwiefern sind diese Erkenntnisse nun gerade für unseren Bereich relevant? Rheumatische Erkrankungen gehen häufig mit chronischem Schmerz, Fatigue und psychischen Belastungen einher. Studien zeigen, dass bei Rheumatoider Arthritis neuropathische Schmerzanteile häufig vorkommen und eng mit Funktionseinschränkung und Lebensqualität verknüpft sind.
Chronischer Schmerz wird nicht nur peripher, sondern auch zentral verarbeitet – neurologische Verarbeitungsmuster können hier eine Rolle spielen. Zugleich wissen wir aus der Schmerzforschung, dass neurologische und affektive Faktoren (z. B. Stress- bzw. Stresserleben) die Schmerzwahrnehmung modulieren. Einen guten Überblick liefert hier das Biopsychosoziale Modell.
Während direkte rheumaspezifische Studien zur Neurodiversität noch rar sind, zeigen Arbeiten aus dem allgemeinen Gesundheitswesen: Neurodivergente Menschen (1) erleben Stress, sensorische Reize und kommunikative Herausforderungen anders als neurotypische Menschen. Diese Unterschiede können sich auf Arzt-Patient-Interaktionen, Compliance, Aufmerksamkeit bei medizinischen Instruktionen oder Schmerzerleben auswirken.
Es existieren Arbeiten aus anderen Forschungsfeldern, die zeigen, dass neurodivergente Personen, mit ADHS oder Autismus, erhöhte Prävalenzen für Stress-assoziierte Erschöpfungssyndrome oder Belastungsreaktionen aufweisen – ein Hinweis darauf, dass die neurologische Diversität auch körperliche Krankheitsverläufe beeinflussen kann. (2)
Mesci et al. fanden in einer klinischen Studie zu zentraler Sensibilisierung, dass RA-Patientinnen und -Patienten mit zentraler Sensibilisierung deutlich höhere Schmerzwerte und niedrigere Schmerzschwellen hatten, ohne dass Entzündungsmarker stärker waren. (3)
Die RFA spielt eine zunehmend zentrale Rolle bei Diagnostik, Krankheitsmonitoring, Patientenaufklärung und den Behandlungsprozessen. Damit steigen die allgemeinen Anforderungen an kommunikative Kompetenzen und die Fähigkeit, Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen Verarbeitungs- und Kommunikationsstilen professionell zu begleiten.
Neurodiversität versteht Wahrnehmung, Denken und Kommunikation als Variation einer natürlichen Bandbreite anstatt als Abweichung. In der Praxis bedeutet dies:
Aktuell werden erste Ideen zur Umsetzung im Praxisalltag entwickelt. Hierzu zählen spezielle Fragebögen und auch eine Übertragung auf die gesamte Patient Journey sowie das Therapie-management. (4)
Die RFA ist oft der erste Kontaktpunkt für Patientinnen und Patienten. Ihre Fähigkeit, empathisch, klar und strukturiert zu kommunizieren, trägt wesentlich dazu bei, Angst, Überforderung und Missverständnisse erst gar nicht aufkommen zu lassen bzw. abzubauen – besonders bei Menschen, die Reize anders verarbeiten oder soziale Kommunikation anders erleben. Dies kann die Diagnostik, Adhärenz und Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten maßgeblich verbessern.
Das Konzept der Neurodiversität fordert eine interdiszipli-näre, patientenzentrierte Perspektive – und genau diese ist auch in der Rheumatologie notwendig, wenn es um Schmerzmanagement, chronische Verläufe und Lebensqualität geht. Die RFA kann hier Wissensbrücken schlagen zwischen medizinischen Erfordernissen und patienten-zentrierten Erklärungs- und Begleitstrategien.
Während es in spezialisierten Bereichen (z. B. primäre Gesundheitsversorgung) erste Publikationen zum Thema Neurodiversität gibt, fehlt es bislang an quantitativen rheumaspezifischen Studien, die explizit neurodivergente Patientengruppen, ihre Versorgungserfahrungen oder klinische Outcomes untersuchen. Ein Fokus zukünftiger Forschung sollte daher auf:
Erste Untersuchungen und Studien beschäftigen sich jedoch auch schon konkret mit rheumaspezifischen Fragestellungen wie z. B. Lucy Zhao: „Schmerz und Neurodiversität bei Patientinnen/Patienten mit therapie-resistenter Rheumatoider Arthritis“. (5)
Fortbildungen zu neurodiversitätsorientierter Patientenkommunikation, dynamischer Gesprächsführung und reizarmen Praxissettings eröffnen Fachassistenzkräften ein zusätzliches Kompetenzfeld. Diese Weiterbildungen unterstützen nicht nur eine patientenfreundlichere Versorgung, sondern auch effizientere Abläufe und höhere Zufriedenheit im Team.

Neurodiversität ist keine Randerscheinung – sie betrifft Patientinnen und Patienten, Mitarbeitende (6) und die Gesellschaft insgesamt. In der Rheumatologie eröffnet das neurodiversitätsorientierte Denken neue Perspektiven für eine patientenzentrierte Versorgung, die sensibel auf neurologische Unterschiede eingeht und damit klinische und kommunikative Qualität verbessert.
Für die Rheumatologische Fachassistenz bedeutet dies: Sensibilisierung, strukturiertes Arbeiten und empathische Kommunikation werden zu Schlüsselkompetenzen, die sowohl die Patientinnen-/Patientenversorgung als auch die Teamkultur stärken und neurodiverse Kollegen.
Wie erlebt Ihr das Thema im Praxisalltag? Seid Ihr vielleicht selbst neurodiverse oder hochsensibel? Hättet Ihr Interesse an einer Weiterbildung in diesem Thema? Habt Ihr Fragen oder Anmerkungen?
Wir freuen uns über Rückmeldungen und Fragen an
info@erfolgsprinzip-consulting.de
Ines van der Heusen
Arbeits- und Organisationspsychologin
1 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10510241/
2 https://www.univadis.de/viewarticle/kinder-adhs-und-autismus-leiden-oefter-unter-chronischer-2024a1000g7j
3 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11095328/
4 https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/08870446.2026.2640346#abstract
5 https://bepartofresearch.nihr.ac.uk/trial-details/trial-detail?trialId=50644&location=&distance=
6 https://www.univadis.de/viewarticle/welt-medizin-gesehen-augen-neurodivergenter-%C3%84rzte-2024a1000crg?uuid=480bd3dc-b20c-4b64-b74b-c6aaf2226f7f