Die ambulante Versorgung chronisch-entzündlicher Erkrankungen steht unter Druck: steigende Patientenzahlen, komplexe Therapien, engmaschige Kontrollen und ein spürbarer Mangel an fachärztlichen Ressourcen. Das betrifft die Rheumatologie besonders, trifft aber auch Gastroenterologie und Dermatologie. Gleichzeitig ist ein Teil der Versorgung in der täglichen Praxis delegierbar, wenn Qualifikation, Prozesse und Verantwortlichkeiten klar definiert sind.
"Delegation kann helfen, fachärztliche Kapazität für die Diagnostik und nachfolgende Einleitung einer Therapie freizumachen, bei gleichzeitiger Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Versorgung aller Patienten."
1. Delegation ist nicht unterlegen und klinisch sicher abbildbar
Insgesamt wurden 602 Patientinnen und Patienten randomisiert, davon 448 aus der Rheumatologie. Für den primären Endpunkt zeigten sich keine Unterschiede in der erwarteten Entwicklung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (EQ-5D-3L) zwischen Interventionsgruppe und Kontrollgruppe. Auch bei den sekundären Endpunkten zeigte sich nach 12 Monaten kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen und somit keine Unterlegenheit der der teambasierten Versorgung. (1)
Ergänzend liefert eine Prozessevaluation eine klare Botschaft zur Umsetzbarkeit: In 61 Interviews (Ärztinnen und Ärzte, MFAs, Patientinnen und Patienten) wurde das Modell überwiegend positiv bewertet.
Als Nutzen wurden häufig genannt:
> Entlastung ärztlicher Zeit
> Aufwertung der MFA-Rolle
> Mehr Zeit für Information
> Unterstützung bei der Adhärenz und Krankheitsbewältigung.
Als zentrale Hürde wurde wiederholt ein fehlendes Finanzierungskonzept genannt, verstärkt durch personelle Engpässe und Fluktuation. (2)
Die gesundheitsökonomische Analyse zeigt, dass Delegation nicht nur aus der Perspektive der Versorgung sinnvoll ist, sondern auch wirtschaftlich. QALYs (qualitätsadjustierte Lebensjahre) wurden über den primären Endpunkt der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (EQ-5D-3L) abgeleitet und Kosten wurden auf Basis erfasster Ressourcenverbräuche berechnet.
In der untersuchten Kohorte lagen die medianen jährlichen Gesamtkosten in der Interventionsgruppe niedriger als in der Kontrollgruppe, bei vergleichbaren QALYs. Der berechnete inkrementelle Kosten-Effektivitätswert lag unter Null. Das bedeutet, dass bei vergleichbarem Nutzen geringere Kosten entstehen, die Intervention ist damit kosteneffektiv.
Für die Praxis heißt das: Delegation kann fachärztliche Zeit für komplexe Entscheidungen oder neue Patienten freisetzen, ohne an Ergebnisqualität zu verlieren, und sie ist auch aus Kostenträgersicht gut begründbar. (3)
3 Verzögerter rheumatologischer Facharztzugang erzeugt hohe Folgekosten
Eine begleitende Auswertung von Routinedaten der gesetzlichen Krankenkassen zur rheumatoiden Arthritis (RA) zeigt ein strukturelles Problem, das im Versorgungsalltag häufig sichtbar ist: Viele Betroffene erreichen die rheumatologische Facharztversorgung spät oder im ersten Jahr gar nicht. In den Daten hatten 57,4 % der Patienten mit seropositiver RA (M05) und 24,4 % der Patienten mit seronegativer RA (M06) keinen Facharztzugang im ersten Jahr nach Verdachtsdiagnose. Bei späterem Zugang stiegen die Arzneimittelkosten deutlich an, denn Patientinnen und Patienten mit einem späten Zugang zu einer fachärztlichen Versorgung wurden früher auf hochpreisige Medikamente umgestellt als Patientinnen und Patienten mit einem Zugang bereits im Quartal der Verdachtsdiagnose.
Dies zeigt deutlich, dass eine verzögerte Diagnosestellung nicht nur klinisch ungünstig ist, sondern im Verlauf auch höhere Kosten nach sich zieht. Delegation kann helfen, fachärztliche Kapazität für die Diagnostik und nachfolgende Einleitung einer Therapie freizumachen, bei gleichzeitiger Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Versorgung aller Patientinnen und Patienten. (4)
Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundes-ausschuss (G-BA) hat für DELIVER-CARE am 22. August 2025 eine Transferempfehlung mit Prüfbitte zur Überführung in die Regelversorgung ausgesprochen. (1) Damit liegt eine formale, positive Bewertung der Projektergebnisse in Richtung Regelversorgung vor. Aus Versorgungssicht ist der Engpass nicht mehr die Evidenz, sondern die Umsetzung und flächendeckende Implementierung.
Ohne verlässliche Abbildung in einer adäquaten Vergütung bleibt Delegation projektförmig und abhängig von einzelnen motivierten Praxen.
Dr. Kirsten Hoeper
Klinik für Rheumatologie und Immunologie,
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover