Die Diagnose entzündlich-rheumatischer Erkrankungen hat weitreichende Auswirkungen auf alle Lebensbereiche der Betroffenen. Seit Januar 2024 ist an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) eine Advanced Practice Nurse (APN) tätig, um Menschen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen bei der Bewältigung krankheitsbedingter Herausforderungen zu unterstützen.

International sind diese Rollen bereits in vielen Ländern in der rheumatologischen Versorgung zu finden – in Deutschland fehlt jedoch bisher eine gesetzliche Regelung und Definition, weshalb die Umsetzung in der Praxis sehr unterschiedlich ist (Seismann-Petersen et al., 2023).
An der MHH sind APNs seit 2017 implementiert, um spezifische Patientengruppen zu unterstützen und die Versorgungsqualität zu steigern (Heucke-roth & Schmeer, 2018). Dabei werden sowohl das multiprofessionelle Team als auch die Patientinnen und Patienten aktiv in die Entwicklung der Rollen einbezogen. Das Ziel dabei ist, Versorgungslücken zu schließen und die Betreuung verbessern – gerade dort, wo Patientinnen und Patienten bisher nicht ausreichend unterstützt werden.
Im Bereich der chronisch-entzündlichen Erkrankungen liegt ein besonderer Fokus auf der Selbstmanagementunterstützung. Dazu werden die Selbstmanagementfähigkeiten systematisch mittels eines Assessments erfasst und gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten Ziele und Maßnahmen für den stationären Aufenthalt und die Zeit danach formuliert. Beispielsweise wird ein Plan zur Steigerung der körperlichen Aktivität erstellt oder nicht-medikamentöse Maßnahmen bei Fatigue erläutert. Bei Bedarf koordiniert die APN weitere Unterstützungsangebote wie Ernährungsberatung oder Physiotherapie. Um die Versorgungskontinuität und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu fördern, findet ein engmaschiger Austausch mit den Stationsteams statt.
Frau Rohleder, Sie schrieben, dass Sie eine einwöchige Hospitation im Copenhagen Center for Arthritis Research in Dänemark absolviert haben. Wie kommt man zu so einer Gelegenheit?
Gerade im Rahmen der Implementierung von neuen Rollen in der Versorgung erlebe ich den Austausch und das Bilden von Netzwerken als extrem hilfreich. Ich wollte schon länger internationale Erfahrungen sammeln, vor allem, weil erweiterte Rollen in der Pflege international eine wichtige Rolle spielen. Das EULAR Educational Visit Grant richtet sich an Gesundheitsfachpersonen in der Rheumatologie und bietet genau dafür eine großartige Chance. Auf der EULAR-Homepage findet sich eine Liste verschiedener Einrichtungen, die für eine Hospitation zur Verfügung stehen. Voraussetzung für die Bewerbung ist die Mitgliedschaft in einer nationalen Fachgesellschaft für Gesundheitsfachpersonen in der Rheumatologie – hier der Fachverband Rheumatologische Fachassistenz e. V. Außerdem müssen ein Motivationsschreiben, Lebenslauf und die Zusage des Hospitationsplatzes beigefügt werden.
Worin unterschieden sich die Tätigkeiten im Bereich der Patientenversorgung?
Die Hospitation im Copenhagen Center for Arthritis Research (COPECARE) fand einerseits in der Forschungsabteilung und andererseits in der rheumatologischen Tagesklinik (Outpatient Clinic) des Rigshospitalet statt. Beide Orte waren für mich mit vielen neuen Eindrücken verbunden, da ich in Hannover ausschließlich in der stationären Versorgung tätig bin, wo vorwiegend Patientinnen und Patienten mit seltenen Erkrankungen und komplexen Krankheitsverläufen behandelt werden.
Der Tagesklinik im Rigshospitalet zugeordnet ist eine spezielle Diagnostikabteilung, wo verschiedene Untersuchungen interdisziplinär durchgeführt werden. Die Aufnahme der medizinischen Anamnese sowie Untersuchungen wie Kapillarmikroskopie oder Saxon- und Schirmer-Test werden von spezialisierten Pflegepersonen durchgeführt.
Die Behandlung der Erkrankungen verläuft wie auch in Deutschland nach Leitlinien, jedoch hat die nicht-medikamentöse Therapie inklusive Patientenschulungen und individueller Beratung durch Pflegepersonen einen ebenso großen Stellenwert wie die medikamentöse Therapie. Ich finde es schade, dass diese Aspekte häufig in den medizinischen Leitlinien nur am Rand erwähnt werden, da sie maßgeblichen Einfluss auf die Krankheitskontrolle haben können. Daher fand ich es hervorragend, dass in den Behandlungspfaden in der Tagesklinik im Rigshospitalet feste Termine mit Pflegepersonen zur Unterstützung im Selbst- und Krankheitsmanagement vorgesehen sind.
Was meinen Sie, was aus dem System, das Sie kennengelernt haben, auf uns übertragen werden könnte?
Ich denke, wir könnten vor allem die intensive Unterstützung der Patientinnen und Patienten übernehmen, die ich dort erlebt habe. Die gezielte Hilfe beim Aufbau von Wissen und Fähigkeiten im Umgang mit der Erkrankung stärkt das Selbstmanagement und gibt den Menschen mehr Sicherheit im Alltag.
Auch wenn die Ausbildungs- und Qualifikationswege sich von unserem System unterscheiden, denke ich, dass auch in Deutschland Verbesserungspotenzial besteht. In der Weiterbildung zur RFA werden viele von diesen wichtigen Bereichen gelehrt und dennoch wird oft nur ein Bruchteil dieser Kompetenzen genutzt. Oft wird argumentiert, dass dafür im Alltag keine Zeit bleibt, aber langfristig spart diese Art der Unterstützung Zeit und auch Kosten, da Patientinnen und Patienten sicherer mit ihrer Erkrankung umgehen können und Folgeerkrankungen oder Komplikationen vermieden werden.
Was hat Sie in Ihrer Hospitationsphase am meisten beeindruckt?
Das waren einerseits das hohe Maß an Digitalisierung und andererseits die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Dänemark hat eine Vorreiterrolle in der Digitalisierung. Alle Kliniken, Praxen und auch die Patientinnen und Patienten selbst können ohne Verzögerung auf alle Berichte und Befunde zugreifen. Das schafft Sicherheit und Transparenz.
Außerdem ist es dort selbstverständlich, dass neben Ärzten und Pflegepersonal auch zum Beispiel Therapeuten und Diätassistenten auf Augenhöhe zusammenarbeiten und forschen. Die Tagesklinik und das Forschungszentrum sind eng verknüpft und der Sinn von Forschungsprojekten ist keine Frage – trotz der dadurch möglicherweise entstehenden Mehrarbeit. Zum Beispiel erzählte mir eine Pflegefachperson, wie großartig es sei, dass nun die Rate bestimmter Immuntherapien gesteigert werden könne, da sich durch eine Studie gezeigt habe, dass dies genauso sicher sei.
Jede Berufsgruppe und Rolle bringt dort das ein, was sie am besten kann. So sind auch für Personen mit Weiterbildung oder Studium spezielle Positionen verfügbar. Wie ich es erlebt habe, trägt dies zu einer hohen Arbeitszufriedenheit und Versorgungsqualität bei.
KENDRA ROHLEDER
M.Sc. Pflegewissenschaft
APN für Menschen mit chronischentzündlichen Erkrankungen
Medizinische Hochschule Hannover
rohleder.kendra@mh-hannover.de
Weitere Informationen zu APN:
https://mhh.de/pflege/pflegewissenschaft/apn
Quellen: Heuckeroth, L., & Schmeer, R. Schritt für Schritt: Implementierung einer APN auf Station.
Pflegezeitschrift 2018; 71(5), 58–60
National Health Service: Multi-professional framework for advanced clinical practice in England.
London: Health Education Großbritannien, 2017
Seismann-Petersen, S., von der Lühe, V., Inkrot, S., Roos, M., Dichter, M. N., & Köpke, S. Rollenverständnis
von Pflegeexpert_innen in der Primär- und Akutversorgung in Deutschland. Pflege 2023; 36(1): 11–19