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Verbesserung nach einer Ernährungsmodifikation

Ballaststoffe: Anti-Inflammatorisch wirksam bei Rheuma!

Rheumatischen Systemerkrankungen liegt eine chronische Entzündung zugrunde. Auch häufige Komorbiditäten wie z. B. kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes mellitus und Adipositas sind Folge einer chronischen (meist stillen) Entzündung.

Eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Entzündungsprozesse scheinen dabei Lebensstilfaktoren wie eine westliche Ernährung, Bewegungsmangel und/oder Umwelttoxine zu spielen. Diese verursachen u. a. eine erhöhte Darmpermeabilität (sog. „Leaky Gut“), triggern im Darm entzündliche Prozesse und lösen im weiteren Verlauf über die sog. Darm-Gelenk-Achse („Gut-Joint-Axis“) proentzündliche Veränderungen in den Gelenken aus. Diesen Entzündungsprozessen kann – so die Hypothese – durch anti-entzündliche Lebensmittel wie Fisch und pflanzliche Öle, reich an Omega-3-Fettsäuren gegengesteuert werden.

Ein anti-entzündlicher Nahrungsbestandteil, dem viele Jahrzehnte kaum eine Bedeutung beigemessen wurde, was sich auch im Namen treffend widerspiegelt, sind die sog. Ballaststoffe, im Englischen auch als Nahrungsfasern („Fibres“) bezeichnet. Aufgrund ihrer Struktur können sie vom Enzymsystem des Menschen nicht verdaut werden. Man unterscheidet lösliche und unlösliche Ballaststoffe.

Unlösliche Ballaststoffe sind vor allem für die Verdauung (z. B. bessere und länger anhaltende Sättigung, kürzere Darmtransitzeit, verzögerter Blutzuckeranstieg etc.) von Bedeutung. Lösliche Ballaststoffe werden im proximalen Colon von Darmbakterien zu kurzkettigen Fettsäuren verstoffwechselt. Sie werden auch Präbiotika genannt, entfalten zahlreiche Wirkungen auf das enterale Immunsystem und spielen vermutlich bei der Prävention von Autoimmunerkrankungen, aber auch wichtigen Zivilisationserkrankungen wie Krebs und Diabetes mellitus eine wichtige Rolle.

Zu den kurzkettigen Fettsäuren zählen die gesättigten Fettsäuren Acetat (C2), Propionat (C3) und Butyrat (C4). Butyrat dient der Darmschleimhaut als Energie-lieferndes Substrat, während Acetat und Propionat von der Darmschleimhaut direkt (ohne Transporter) resorbiert und mit dem Pfortaderkreislauf abtransportiert werden. Kurzkettige Fettsäuren tragen entscheidend zur Aufrechterhaltung der Darm-Homöostase, d. h. dem Gleichgewicht von Symbionten (z. B. Laktobazillen und Bifidobakterien) und Pathobionten bei, wobei letzteren (z. B. Cl. difficile) eine krankheitsauslösende Wirkung zugeschrieben wird. Dadurch wirken sie einer Dysbiose entgegen und steigern die Vielfalt der Darmmikrobiota.

Kurzkettige Fettsäuren fördern außerdem die Mukusbildung durch die Darmepithelien sowie die Regeneration der Darmschleimhaut. Sie steigern die Immunglobulin (Ig) A-Sekretion von B-Lymphozyten und modulieren zahlreiche immunologische Prozesse in der Darmschleimhaut. Durch Bindung an und Aktivierung von GPRs (G-Protein-gekoppelte Rezeptoren) auf verschiedenen Klassen von Immunzellen regen sie diese zur Bildung antientzündlicher Zytokine an, die wiederum die Bildung toleranzinduzierender regulatorischer T-Zellen (Treg-Zellen) fördern. Das NFB-Kappa-Inflammasom und die Bildung von pro-entzündlichem Interleukin-1 werden gehemmt.

Eine unzureichende Ballaststoffzufuhr ist mit einer Vielzahl nicht übertragbarer (entzündlichen) Erkrankungen wie z. B. Adipositas und Diabetes, aber auch Krebs assoziiert. So zeigt eine ausreichende Ballaststoffzufuhr in Kohortenstudien protektive Effekte auf kardiovaskuläre Erkrankungen sowie Diabetes mellitus Typ 2, Adipositas, Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterinkonzentration, Hypertonie, aber auch häufige Tumorentitäten wie Colon- und Brustkrebs. Auch für die RA gibt es erste Studien, die einen positiven Effekt einer Ballaststoff-Supplementation belegen.

Im Gegensatz zur heute meist präferierten „Western Diet“, die v. a. ballaststoffarm, energiedicht und hochkalorisch (reich an Kohlenhydraten und Fetten) ist, ist die traditionelle mediterrane Ernährung ballaststoffreich und typischerweise auch pflanzenbasiert. Sie besteht aus einem hohen Anteil an Früchten, Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen, (Vollkorn-)Brot und Cerealien und wird auch deshalb von der Kommission für Komplementäre Heilverfahren und Ernährung der DGRh für Patienten mit entzündlichen Erkrankungen und kardiovaskulären/metabolischen Komorbiditäten als Ernährungsform empfohlen.

Gesunde Erwachsene sollten laut WHO mindestens 30 g Ballaststoffe/Tag zu sich nehmen. Dies ist – wie die Nationale Verzehrstudie Deutschlands (NVZ II) belegt – bei den meisten Deutschen nicht der Fall. So weisen 75 % der Frauen und 68 % der Männer eine Ballaststoffzufuhr von <30 g/Tag auf. In unserem eigenen RA-Kollektiv lag die durchschnittliche Ballaststoffaufnahme bei ca. 15 g/Tag. Dies bestätigt Untersuchungen aus Schweden, die ebenfalls eine zu niedrige Ballaststoff-Aufnahme bei RA-Patienten zeigten.

FAZIT

Ganz anders als es ihr Name suggeriert, sind Ballaststoffe wichtige (überwiegend pflanzliche) und damit auch ökologisch sinnvolle Nahrungsbestandteile, die zahlreiche gesundheitsförderliche, vor allem auch anti-inflammatorische Wirkungen entfalten können. Dies trifft mit großer Wahrscheinlichkeit auch für Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen und assoziierten Komorbiditäten zu, weshalb ihnen eine pflanzenbasierte, ballaststoffreiche Kohlenhydrat-reduzierte (z. B. mediterrane oder ggf. auch vegetarische) Ernährung mit einem hohen Anteil an Gemüse und Cerealien empfohlen werden sollte.

AUTORIN
PROF. DR. MONIKA REUSS-BORST

Schwerpunktpraxis für Rheumatologie
Frankenstraße 36
97708 Bad Bocklet

Email: info@reuss-borst-medizin.de

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